PEN

Ich mag meine Canon-Ausrüstung. Sehr sogar. Für meinen letzten Urlaub, die erste Fernreise seit vielen Jahren, hatte ich aber ein gewichtiges Problem: Die vielen Kilogramm und Kubikzentimeter Ausrüstung, die den Rucksack gefüllt hätten. Und weil ich Technikprobleme immer mit noch mehr Technik löse, habe ich nach einer neuen Kamera gesucht. In diesem Artikel beschreibe ich, warum ich mich für die Olympus PEN E-P2 entschieden habe und wie meine Erfahrungen damit sind.
Seit einer Weile habe ich die Entwicklung bei spiegellosen Kameras mit Wechselobjektiven beobachtet. Seit der Einführung der Panasonic G1 fand ich das Konzept vielversprechend. Mit der Reise in der Planung hatte ich also eine Rechtfertigung, meine Ausrüstung zu erweitern. Zur Wahl standen dabei eine Panasonic GF1 oder eine Olympus PEN E-P2. Einige der folgenden Argumente gaben letztlich den Ausschlag für die Olympus. Insgesamt möchte ich aber nur meine Erfahrung nach etwas mehr als einem Monat zusammenfassen.
Positiv
Eingebaute Stabiliserung für alle Objektive
Während Panasonic mit Mega O.I.S. auf eine Stabilisierung im Objektiv setzt, wird bei Olympus der Sensor bewegt, um bei längeren Belichtungszeiten Verwackler zu vermindern. So profitieren auch adaptierte manuelle Optiken oder Festbrennweiten davon. In der Kombination mit schnellen Linsen wie dem 20mm f/1.7 ist das ideal für gute Aufnahmen in der Dämmerung. Panasonic hat allerdings den Vorteil, dass die Stabiliserung auch für das Sucherbild funktioniert. Das ist bei Telebrennweiten sehr nützlich. Beim Einsatz von Panasonic-Linsen an der PEN kann ich den Stabi im Objektiv nutzen und den in der Kamera ausschalten und habe so das beste beider Welten. Leider funktioniert die Sensor-Stabilisierung nicht im Videomodus.Brauchbares Kit-Objektiv
Sicher, das 14-42 ist günstig, liefert aber erstaunlich scharfe und ausgewogene Ergebnisse. Der Brennweitenbereich ist praktisch und im Transport-Zustand ist die Linse wirklich winzig. Der Mechanismus um das Objektiv einsatzbereit zu machen ist genial gelöst und spart wertvolle Zentimeter. Negativ fällt aber das mitdrehende, viel zu kleine Filtergewinde auf. Damit ist die Verwendung von Polfiltern fast unmöglich, wenn man überhaupt welche in der Größe findet.Exzellenter elektronischer Sucher
Für Aufnahmen in grellem Licht oder in ungewöhnlichen Winkeln ist der um 90° schwenkbare Sucher fantastisch. Anders als bei Prismensuchern steht außerdem die volle Bandbreite von interaktiven Inhalten zur Verfügung: Histogramm, Menüeinstellungen, Bildprüfung – das alles ist kein Problem. Die Auflösung ist sogar hoch genug, um bei manuellen Objektiven die Schärfe zuverlässig zu beurteilen. Und wenn das doch kniffeliger ist, hilft eine einblendbare Lupenfunktion.Ansprechendes Gehäuse
Das ist natürlich sehr subjektiv, aber ich mag den leichten Retrostil. Die Benutzerelemente sind da, wo man sie erwartet und nach wenigen Tagen musste ich kaum noch den Blick vom Sucher nehmen, um nach einem Knopf zu suchen. Trotz der kompakten Maße ist die Griffigkeit gut. Einzige das Drehrad um den Vier-Wege-Controller ist eher für kleinwüchsige Uhrmacher oder Gehirnchirurgen gebaut worden.Sehr gute Staubreduktion
Selbst unter widrigen Bedingungen und häufigen Objektivwechseln habe ich noch kein Staubkorn ausmachen können. Der Supersonic Wave Filter von Olympus ist ja in dieser Hinsicht bei vielen als das beste solcher Systeme bekannt und in meinem täglichen Umgang um Längen besser als die Varianten von Canon.Sehr gute JPEG direkt aus der Kamera
Da ich fast alles nachbearbeite und dabei selten auf die Flexibilität von RAW verzichte, dachte ich zuerst nicht, dass das für mich wichtig wäre. Nachdem ich aber eine Reihe von Aufnahmen in RAW+JPEG gemacht habe, fiel mir immer mehr auf, dass ich direkt die JPEGs aus der Kamera verwendet habe. Die Gradation und die Farben sind extrem ansprechend. Als Bonus kann man RAW-Aufnahmen in der Kamera selbst in JPEGs konvertieren.Eingebaute Entzerrung und Korrektur
Micro FT verwendet Software in der Kamera, um die Fehler von mFT Objektiven schon in den RAW-Dateien zu korrigieren, sofern das von dem RAW-Konverter unterstützt wird. Adobe Camera RAW und Lightroom interpretieren diese Korrekturdaten, so dass ich mich bei der Bearbeitung nicht mehr um Verzerrung, Vignettierung oder Chromatische Abberationen kümmern muss.Verschiedene Formate
Ja, gut, bei anderen Kameras kann man Croppen. Allerdings finde ich es für das kreative Fotografieren schön, wenn ich gleich von 4:3 auf 3:2, 16:9 oder 1:1 wechseln kann. So kann ich schon beim Druck auf den Auslöser genau überlegen, wie ich die Dokumente anordne.Last but not least:
Das Geräusch des Verschlusses ist super. Das ist eine der Kleinigkeiten, die man schlecht in objektive Testergebnisse verpacken kann und über die ich mich immer wieder freue, wenn ich Fotos damit mache.
Hier kann man gut den Größenunterschied erkennen. Die gezeigte Olympus-Ausrüstung deckt einen Brennweitenbereich von 18-400mm KB-Äquivalent ab. Die Canon ist mit einem 24-105 Reisezoom bestückt. Der Unterschied ist beim Gewicht noch größer als beim Volumen.

Negativ
Unterdurchschnittliches Display
Es ist schon schwierig eine Kompaktkamera mit weniger als 460.000 Pixeln zu finden. Bei guten D-SLRs sind 920.000 Pixel seit der Nikon D300 guter Ton. Die 230.000 Punkte der Olympus sind leider nur eins: Ausreichend hell und farbtreu. Wegen der geringen Auflösung muss man permanent im Bild zoomen, um die Schärfe zu beurteilen und die Menüs wirken damit anachronistisch.Konfuses Menü
Wenn ich eine Nikon, Sony oder Pentax von befreundeten Fotografen in der Hand halte, finde ich 90% der Einstellungen ohne Blick in die Bedienungsanleitung oder langes Suchen. Bei Olympus sind die Funktionen aber so merkwürdig angeordnet, dass ich seltenere Funktionen wie die Rauschreduzierung regelmäßig nur durch langwieriges Herumgeklicke finde. Wenn man erst mal seine Einstellungen gefunden hat, ist das okay, aber bis dahin gab es viele Momente wo ich mit einem leisen “Häh?” auf den Lippen am Kopf gekratzt habe.Grell leuchtender Power-Button
Für unauffällige Streetfotografie und in Krisengebieten ist die PEN komplett ungeeignet und für letzteres zugegeben auch nicht gedacht. Denn eingeschaltet leuchtet ein grüner LED-Ring auf der Oberseite grell und schreit: Hallo, hier bin ich. Bei einer Kamera, die nur mit Bildschirm oder elektronischem Sucher bedienbar ist, ist das überflüssig. Ich finde physikalische Schalter, die den Zustand durch die Kipprichtung anzeigen einfach besser.Merkwürdige Einschränkungen der Software
So lange ich mit Canon fotografiere, rege ich mich über Belichtungskorrekturen mit maximal 2 Blenden auf. Olympus ist noch viel ätzender. Das man Bleichtungsreihen mit Schrittweiten von höchsten einer Blende machen kann, ist einfach nur als Patzer in der Firmware zu bezeichnen. Außerdem ist die Funktion so tief in den Menüs verbuddelt, dass ich im manuellen Modus schneller eine eigene Reihe zustande bringe, als mich auf die Automatik einzulassen.Einschränkungen des mFT-Sensors
Die verhältnismäßig kleinen Sensoren der GF1 und der PEN sind Fluch und Segen zugleich. Für Landschaftsaufnahmen ist es schön, dass man schon bei Blende 4-8 sehr gute und umfassende Schärfe hat. Bei weiter geschlossenen Blenden merkt man aber deutlich stärker, wie die Diffraktion die Auflösung reduziert. Außerdem ist das Freistellungspotenziel durch weit offene Blende mit dem Verlängerungsfaktor von 2 gegenüber Kleinbild stark reduziert. Für Portraits mit unscharfen Hintergründen oder andere Bokeh-Spielereien sind APSC oder Kleinbild um Längen besser.
Der Retro-Stil der E-P2 ist Geschmacksfrage. An der Qualität der Verarbeitung gibt es allerdings nichts auszusetzen. Das Gehäuse ist gut ausbalanciert und hochwertig verarbeitet.

Fazit
Für mich ist die Olympus zur idealen Zweitkamera geworden. Sie ist kompakt genug, um sie immer dabei zu haben und gut genug, um wirklich kreativ zu fotografieren. Die PEN ist robust und zuverlässig. Meine Art zu fotografieren ist mit der Kamera spielerischer und unterscheidet sich von der Canon. Mit der großen Kamera fotografiere ich bewusster, qualitätsorientierter und unter Bedingungen, bei denen die PEN aufgeben muss, z.B. bei weniger, schlechterem Wetter oder höheren Anforderungen an Auflösung und Objektivauswahl.
Bildergalerie
Objektive Testberichte mit vergleichenden Aufnahmen in 100 ISO-Stufen und Co. gibt es hier nicht. Ich kann nur Ergebnisse aus meiner Freizeit anbieten.




































am 05.08.2010 #
Schöner Artikel!
Könnte mich bisher trotzdem nicht dazu durchringen, so eine “Knipse” zu kaufen, weil ich vermutlich immer das Gefühl hätte, ich hätte das Foto mit der DSLR besser machen können.
Ist sicherlich aber ein Prozeß wie z.B. Bilder aussortieren..
Noch eine Frage: Wie hast Du die Bilder eingebunden? Ist das ein Flickr Tool direkt von Flickr? Kenn ich noch gar net..
Btw: Sehr schöne Bilder von dem Island Trip. Würd gern mehr darüber erfahren.. bei nem Pils? ;)
Grüße!
M.
am 05.08.2010 #
Hallo Andreas,
gefällt mir richtig gut dieser Beitrag! Überhaupt freue ich mich jedes Mal aufs Neue, wenn mein Feed-Ordner bimmelt; dann weiß ich, es gibt nen neuen Beitrag auf deiner Seite. Bin schon sehr lange Abonnent. Würde mich sehr freuen, ein wenig mehr über deine fantastischen s/w-Arbeiten zu erfahren. Einen Beitrag dazu hattest du ja schon mal, es dürfen aber sehr sehr gerne weitere folgen..!
Großes Kompliment und Grüße nach Potsdam
Michael
am 05.08.2010 #
Maddin Die Bilder sind wirklich auf DSLR-Niveau, so lange man nicht mit ISO 3200 fotografiert oder mehr als 20 Megapixel braucht. Ich hab die “Große” jedenfalls in Norwegen nicht vermisst. Pils: Gerne, evtl. als Abschluss für einen Photowalk demnächst?
Danke sehr Michael. Es freut mich, dass Dir die Artikel so gut gefallen. Ich überlege mal, wie ich die S/W-Bearbeitung weiter in Screencasts erklären kann.
am 06.08.2010 #
Hallo Andreas,
vielen Dank für Deine Einschätzung und den Bericht. Das hört sich vielversprechend an. Aber ich denke, dass, wie bei allen neuerscheinungen, die zweite Generation noch mehr Potential aus der Kamera holen kann. Seitdem ich meine Ricoh GRIII habe, die auch mit RAW´s umgehen kann, habe ich in der Freizeit auch selten meine DSLR dabei.
Die Bilder aus Norwegen sind wie immer superb, nur frage ich mich, wieviel kam da aus der Kamera und wieviel hast Du perfektioniert ;-) Da wir Dein Können kennen, kann ich nicht einschätzen wie gut die Kamera wirklich ist.
LG Markus
am 06.08.2010 #
Markus Dein Rat auf die zweite Generation zu warten, ist sicher fast immer der beste. Allerdings war mein Urlaub unverrückbar und ich wollte eine Lösung bis dahin. Das die zweite Version der PEN so kurz nach der ersten kam war, zusammen mit dem Erscheinen des Ultraweitwinkel wirklich Glück.
Wenn ich die unbearbeiteten RAWs der Canon und der Olympus vergleiche, steht die Olympus in fast keinem Aspekt nach. Das Rauschverhalten ist etwas schlechter und der Dynamikumfang minimal geringer. Dafür ist der Charakter des Rauschens angenehmer und die Pro-Pixel-Schärfe höher.
am 10.08.2010 #
Danke erstmal für den interessanten und ausführlichen Bericht. Was mich immer daran gehindert hat, so kleinere brauchbare Knipsen zu kaufen, war der fehlende Sucher. Denn ohne Sucher zu fotografieren macht keinen Spass, zumindest mir nicht. Da ist die PEN doch eine lobende Ausnahme, vorallem da der elektronische Sucher wirklich brauchbar scheint.
Warst du auch mit einem passenden Weitwinkel in Norwegen unterwegs? Das müsste doch eher ziemlich limitiert sein aufgrund des Cropfaktors, vielleicht kannst du zum Thema (Ultra)weitwinkel im Kombination mit der PEN noch ein paar Worte zu verlieren?
Danke & Gruß,
Ben
am 10.08.2010 #
@Ben Es freut mich, dass dir der Artikel gefallen hat.
Ich habe ein Olympus 9-18mm Weitwinkel in den Urlaub mitgenommen. Das entspricht einem 18-36mm am Vollformat, ist also kein extremes Weitwinkel. Das Objektiv ist optisch sehr gut und vor allem extrem kompakt. Durch das 52mm Filtergewinde kann man leicht und günstig Polfilter und ND-Filter verwenden.
Ich habe kurz überlegt ein Panasonic 7-14mm zu kaufen. Neben dem höheren Preis hat es aber den Nachteil, dass wegen dem gewölbten Frontelement (normal bei so extremen UWW) keine Filter damit möglich sind. Abgesehen davon ist das 7-14mm das Äquivalent zu einem 14mm UWW am Vollformat, was m.E. schon sehr extrem ist.
am 02.11.2010 #
Auch wenn ich keine Neuanschaffung plane: Großartiger Artikel! Sehr übersichtlich, sehr informativ… Danke!